Bemerkungen zur Aktion des Zentrums für politische Schönheit in Bornhagen

Am 22.11 stellte das Zentrum für politische Schönheit einen Nachbau des Berliner Holocaust-Denkmals vor Björn Höckes Haus in Bornhagen auf. Die Aktion hat natürlich eine sinnvolle Seite. Das Berliner Denkmal erinnert – wenn auch in entstellter Form – doch an den Holocaust. Das führt bei all jenen, die sich unbefangen zur deutschen Nation bekennen wollen, zu einer gewaltigen narzisstischen Kränkung. Die Erinnerung an den Holocaust verhindert, dass die Deutschen sich ohne weiteres auf die deutsche Nation beziehen können. Die kollektive Identifikation wird dadurch erschwert. Deswegen muss die Erinnerung an den Holocaust abgewehrt werden. Sie wird außerdem als Beschmutzung der nationalen Identität erlebt. Aus diesem Grund werden all jene Dinge, die an den Holocaust erinnern, projektiv besetzt und bekämpft, um die eigene Identität wieder stabilisieren zu können. Gerade deshalb treibt die Aktion zahlreiche aufrechte Deutsche zur Weißglut. Sowohl die zahlreichen Morddrohungen, die beim Zentrum für politische Schönheit eingegangen sein sollen, als auch die kollektive Erregung in der rechten BRD-Hälfte von CDU bis AFD sind ein Beleg dafür.

Wer die Aktion nun als gelungene feiert, verkennt die Wandlung des deutschen Erinnerungsdiskurses. Denn die Mehrheit der Deutschen und die offizielle Politik haben längst ihren Frieden mit dem Holocaust gemacht. Er ist längt zu einem wesentlichen Bestandteil der eigenen Identität geworden: Man ist nun stolzer Deutscher, weil man den Holocaust verübt hat und so vorbildhaft damit umgeht. In diesem Kontext ist auch diese Aktion zu sehen. Man versichert sich gerade seiner Identität als guter Deutscher, indem man den Holocaust in Anschlag bringt. Der Holocaust und die Erinnerung daran werden so zum überall einsetzbaren Instrument, um seine eigene moralische Überlegenheit auszudrücken. Dass es dabei gerade nicht um ein würdiges Gedenken oder eine Verhinderung eines erneuten Umschlagens in die Barbarei geht, ist offenkundig. Gerade das Berliner Holocaustdenkmal steht wie kein anderes für diese Wende in der Erinnerungspolitik.  Es solle eben ein Denkmal sein, zu dem man gerne hingeht (G. Schröder) und um das „uns andere Ländern beneiden“. (E. Jäckel) Man schwimmt im Mainstream mit, wenn man dieses in Beton gegossenen Gesinnungsausweis vor Höckes Haustür errichtet. Dass die Aktion Ausdruck dieser neuen deutschen Ideologie ist, zeigt ein Blick auf die Aktion selbst und ihre Initiatoren:

Das Zentrum für Schönheit unter Leitung von Philipp Ruch, die auch schon mal eine Aktion verantworteten, bei der in bezeichnender Schuldabwehr die Alliierten dafür kritisiert wurden, die Gaskammern in Auschwitz nicht bombardiert zu haben[1], zeichnen sich dadurch aus den Auschwitzvergleich zu universalisieren und zu entleeren. So wurde die Situation in Syrien wiederholt mit Auschwitz verglichen[2]. Auch in Anbetracht der documenta-Ausstellung „Auschwitz on the beach“, verteidigte Philipp Ruch die Notwendigkeit von Auschwitzvergleichen [3]

Dem eigentlichen Aufstellen des Denkmals soll eine monatelange Beobachtung von Höckes Haus vorausgegangen sein. Dabei bezeichnet man sich selbst als zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz. Dies zeugt nicht von antifaschistischer Recherche, sondern vom etatistischen Bewusstsein der Akteure, die sich als die besseren (Staats)deutschen imaginieren. Dass man gerade in Thüringen, wo das Vorgehen des Verfassungsschutzes zum erfolgreichen Untertauchen des NSU-Kerntrios beigetragen hat, sich so bezeichnet, hat ein schalen Beigeschmack. Dazu kommt, dass man dem offiziellen VS ausgerechnet vorwirft seine V-Personen zurückgezogen zu haben. Ganz so, als hätte nicht das V-Personensystem den Aufbau der Naziszene in den 90er wesentlich unterstützt und indirekt zur Entstehung und zum erfolgreichen Untertauchen beigetragen. Durch eine Crowndfunding-Kampagne, verschiedenen Livestreams sowie die Möglichkeiten, Plakate von der Aktion, an Björn Höcke adressierte Postkarten und gar eine Lauftour auf Björn Höckes persönlicher Laufstrecke zu erwerben, wird das Ganze als öffentliche Mitmach-Kampagne inszeniert[4]. Ganz im Sinne der postnazistischen Kampagnendemokratie kann der nicht direkt an der Aktion beteiligte Einzelne so ebenfalls seinen moralischen Nutzen aus der ganzen Sache ziehen. Dass eine Übernachtung in einem von Höcke benutztes Hotel, die man ebenfalls auf der Website erwerben kann, oder besagte Lauftour etwas zur Eindämmung von Rassismus und Nazigewalt beiträgt, kann getrost bezweifelt werden. Höcke wird vielmehr zum Präsentationsobjekt, der in fasziniernd-abstoßender Weise wie ein Star behandelt wird. Antifaschismus wird so zum Witz, worauf nicht zuletzt auch die peinlichen Umdeutungen von Nazisprüchen auf der Website schließen lassen.

Das Ziel der Aktion setzt dem Ganze die Krone auf: Höcke solle vor dem Denkmal auf die Knie gehen, wie einst Willy Brandt in Warschau. Dann würde man sogar die über ihn gesammelten Daten vernichten.[5] Damit wird klar, worum es eigentlich geht. Eben nicht um konsequenten Antifaschismus, nicht um Gedenken, nicht um den Holocaust, der auf der Seite der Aktion überhaupt nur einmal beiläufig erwähnt wird. Es geht darum, dass sich Höcke wieder ins Kollektiv der Besserdeutschen einfügt, dass er sich endlich dem richtigen, deutschen Umgang mit der Geschichte unterwirft und diese Inszenierung nicht unnötig stört. Das zeigt, was Höcke für diese Leute darstellt: Niemand, der tatsächlich gefährlich ist, sondern ebenfalls eine narzisstische Kränkung. Eine narzisstische Kränkung deshalb, weil er und seine MitstreiterInnen daran erinnern, dass der (klassische) Nationalsozialismus nicht endgültig zu den Akten gelegt werden kann, dass die Errichtung des neuen Deutschlands eben nicht so reibungslos abläuft, dass die eigene Inszenierung eben doch brüchig ist.

[1] https://issuu.com/philippruch/docs/portfolio_2009

[2] https://www.ruhrbarone.de/zentrum-fuer-politische-schoenheit-die-pseudokritische-pr-maschine-laeuft-mit-auschwitz-vergleich-aus-dem-ruder/121806

Dabei ist es letztlich egal, ob das wogegen sich die entsprechende Aktion richtet tatsächlich mitunter zu kritisieren wäre, entscheidend ist die Form des Arguments.

[3] vgl. http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-ein-angriff-auf-die-freiheit-der-kunst-1.3642505

[4] https://deine-stele.de/

[5] Dass man das dann in vermeintlich besonders witziger Weise mit der realen Aktenvernichtung des VS vergleicht, ist ein Hohn für alle, die sich tatsächlich um Aufklärung im NSU-Komplex bemühen.