Feminismus ist kein Happy Meal

In einer gemeinsamen Veranstaltung des Studio Я, des Maxim Gorki Theaters und des Missy Magazine ging es im März dieses Jahres darum, die Möglichkeiten einer Kooperation zwischen Feminismus und Religion zu debattieren. Eingeladen waren: Leah Carola Czollek (eine jüdisch-feministische Aktivistin), Saboura M. Naqshband (muslimische Feministin und Aktivistin) und Márcia Elisa Moser (Religionswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt der Gender Studies), moderiert von Margarita Tsomou. Dies ist ein Kommentar zu einer wichtigen und aktuellen Debatte, welche in diesem Rahmen und vermutlich gerade durch die Auswahl der TeilnehmerInnen bei dieser Veranstaltung recht einseitig geraten ist.

I

Es ist tückisch, zu argumentieren, dass Religion schon immer ein schaffendes Moment der patriarchalen Gesellschaft gewesen sei: Gesellschaft und Religion haben sich stets gegenseitig geformt. Richtig bemerken die DiskussionsteilnehmerInnen, wie Religion auch nur als Mittel zur Macht missbraucht worden ist und wird; dies sei jedoch kein Argument für einen wesentlich falschen Charakter des Glaubens und der Religion an sich. In diesem Sinne unternehmen die SprecherInnen eine Art Rehabilitation des Glaubens vor den Augen einer vermeintlich christlichen Gesellschaft. Legitimerweise ist hier von einem Feminismus die Rede, welcher sich auch auf die Sphären der Religion und des Glaubens bezieht und sich mit diesen beschäftigt, mit dem Ziel, auch diejenigen Aspekte des menschlichen Lebens in die Emanzipation miteinzubeziehen, welche bisher als kategorisch patriarchal und negativ betrachtet wurden.

Dass wir heute wieder über Religion sprechen wollen und müssen, hat auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Eng verbunden ist vor allem die aktuelle Thematik des Islams und der Islamkritik, sowie die möglicher kultureller Differenzen im Hinblick auf das Phänomen der globalen Flucht und Auswanderung. Dass diese Debatte nichts mit Rassismus oder der Flüchtlingspolitik zu tun hat, sollte selbstverständlich sein: Wer Flüchtlinge dadurch in Schutz zu nehmen glaubt, indem man den Islam verteidigt, reproduziert lediglich selbst die rassistische Logik von AfD und Co. Menschen, die auf der Flucht sind, können weder mit ihrer Religion identifiziert werden, noch ist irgendwo beweisbar, dass sie als Personen mit der Konfession ihres Heimatstaates konform sind.

Der Kulturbegriff, der im aktuellen Diskurs in Mode geraten ist, ist zudem ein sehr oberflächlicher und stumpfer. Unter dem Stichwort der westlichen Kultur verteidigen vor allem rassistische Stimmen eine willkürliche Akkumulation von geistigem Gedankengut, von welchem sie der Meinung sind, es würde zu einer bestimmten Menschengruppe gehören und ihren Lebensstil traditionell beeinflussen. Diese Argumentationen basieren auf einem pseudohistorischen Hintergrund, welcher überhaupt keinen Begriff von Kultur kennt und versteht. Deshalb hat es auch keinen Sinn, sich diesen Diskussionen zu fügen, und eine von den Angreifern bestimmte und definierte “andere” Kultur in Schutz zu nehmen. Es gilt vielmehr, den Begriff von dieser Starrheit zu befreien und vor allem aus dem kapitalistischen Kontext zu übersetzen: Kultur kann alles sein, nur kein Besitz (sie kann durch Besitz repräsentiert werden, jedoch nie von jemandem besessen werden), doch genau als solches wird es gerade von postmodernen TheoretikerInnen behandelt.

II

Es wird von einer christlich-westlich-säkularen Gesellschaft gesprochen. Mit Formulierungen wie “Populäre Gesellschaftskritik” oder “Populistische Religionskritik” wird Aufklärung als ein Phänomen verstanden, welches im Westen eine ungerechtfertigte Relevanz erfahren hätte und zu relativieren sei. Diese Annahme impliziert, dass Säkularisierung a) ein westliches (und damit kolonialistisches, zumindest in dieser Logik) Phänomen ist, und b) sich in direkte Verbindung mit der christlichen Gesellschaft und Religion bringen lässt (wobei nicht erwähnt wird, auf welcher Art und Weise oder warum).

Zunächst muss geklärt werden, warum Säkularisierung strikt von einer jeglichen spezifischen Kultur (im postmodernen Sinne des Wortes) zu trennen und als globales, unabhängiges Gedankengut zu betrachten ist. Um sich grob dem Begriff anzunähern, ist ein einleuchtender Beitrag von Saboura M. Naqshband zu erwähnen: während Atheismus zur Kategorie des Glaubens eingeordnet werden muss, handelt es sich bei Agnostizismus lediglich um die Feststellung, dass weder die Existenz eines Gottes beweisbar ist, noch ihr Gegenteil. Dies ist ein wissenschaftlicher Standpunkt; die Gesellschaft kann sich als eine plurale nur auf diejenigen Werte stützen, die von all ihren Mitgliedern gleich beweisbar sind. Dieses Prinzip lässt sich nicht auf die Religion anwenden.

Der bürgerliche Staat versteht sich hier selbst als Struktur, die dafür da ist, das gesellschaftliche Leben der Einzelnen zu organisieren. Hierzu spaltet der bürgerliche Staat jenen Einzelnen in eine öffentliche Sphäre und eine private Sphäre auf. Der*die öffentliche Bürger*in ist gleich an Rechten und Pflichten, welche durch die Rechtsordnung gesetzt sind. Diese sind gleichgeltend für alle Staatsbürger*innen, da diese für alle nachvollziehbar sind beziehungsweise sein müssen.

Religion und Glaube hingegen, da sie eben nicht beweisbar sein können, müssen zu den privaten Entscheidungen des Individuums gehören: denn nur das wissenschaftliche, von allen Teilnehmern gleich Nachweisbare, kann auch für alle gleich Gelten. Es gibt grundsätzlich Wege, Religion progressiv zu gestalten. Doch dies läuft stets auf eine beschränkte Emanzipation hinaus: weil eben Religion nur auf denjenigen Zirkel von Personen beschränkt ist, welcher daran glaubt. Wer hingegen einen Feminismus verfolgt, der nicht nur für manche, sondern für alle gesellschaftliche Realität werden soll, muss sich notwendig an diejenigen Axiome binden, die auch für alle Geltung haben. Es ist grundsätzlich sinnvoll, in den einzelnen Gruppen nach einem spezifischen Weg der Emanzipation zu suchen, um das Projekt des Feminismus auch jeder Gruppe auf einer vorteilhaften Weise nahezubringen; wie es auch Unsinn wäre, für den gesamten Globus eine universale Umsetzungsstrategie des Feminismus zu suchen.

Es ist offensichtlich, dass das Problem unserer ‘westlichen’ oder ‘europäischen’ Organisation nicht der Mangel an religiösem Gedankengut ist. Es sind vielmehr die verkrusteten Überreste einer Theokratie, die sich dann zu zeigen geben, wenn vermeintlich andere Religionen diskriminiert werden. Dies ist auch der Moment, an dem die Kategorisierung von Säkularisierung als westlich-christliches Phänomen fatal wird. Was unter anderem mit den aktuellen Protesten im Iran unter dem Spruch “Freiheit ist nicht östlich, nicht westlich, sondern universell!” (Siehe Bündnis für Solidarität mit den Protestierenden im Iran) läuft, ist ein Verständnis von Religion und Religionsfreiheit, welches nicht, wie die Sprecherinnen meinen (bzw. wie es klang), als bloß relative Meinung aufgefasst werden darf. Aufklärung hat keinesfalls bewiesen oder beweisen wollen, dass das Christentum die bessere und modernere Religion darstellt, im Gegenteil: De Springpunkt ist die Befreiung der Öffentlichkeit von jeglicher Diskussion über die Überlegenheit des einen oder des anderen Glaubens.

Was in der Missy-Diskussion vollkommen missachtet wird, ist, dass Säkularisierung in ihrer Idee keine Bevorzugung vorsieht und lediglich eine Situation herstellen möchte, in welcher die Freiheit des Einzelnen gewährt ist. Dass dies in der heutigen Gesellschaft nicht der Fall ist, ist vielmehr eine Frage der Praxis. Die Tatsache, dass Deutschland beispielsweise, und Bayern insbesondere, sich immer noch mit christlich motivierten staatlichen Beschlüssen herumzuschlagen hat, ist der Beweis dafür, dass das Säkulare auch in Europa noch nicht genug vorangeschritten ist. Der, in der Debatte kritisierte, Zustand des radikalen Laizismus in Frankreich ist hingegen genau das, was sich besagte religiöse/theologische FeministInnen wünschen sollten: dort herrscht die Freiheit des Einzelnen, sich jeder Religion zu widmen; während in Bayern die CSU immer noch die Überlegenheit der christlich-katholischen Konfession durchzusetzen versucht.

Die Krise, in welcher sich die Metaphysik befindet, ist der eigentliche Adressat der SprecherInnen der Missy. Während der geistige Imperialismus des Westens für die Kritikfreude der Mehrheitsgesellschaft beschuldigt wird, werden die Fragen nach dem Warum überhaupt des Glaubens im 21. Jahrhundert mit McDonalds-metaphern abgetan. Doch genau hier hatte sich der Diskurs gerade interessant gemacht. Während es wahrscheinlich für diejenigen, die noch glauben können, gut und nützlich sein kann, den Feminismus in religiösen Schriften zu suchen und hineinzuinterpretieren, bleibt für den Rest der aufklärerisch kolonialisierten Menschheit die Frage, warum heute noch überhaupt irgendetwas geglaubt werden sollte. Wird die Religion vom Stigma des Patriarchalen und Gewalttätigen befreit, so bleibt unklar, was für einen Mehrwert der Feminismus davon hätte. Warum ist es überhaupt notwendig, sich feministisch mit Religion zu beschäftigen? Für die DiskussionsteilnehmerInnen scheint es eine reine Geschmacksfrage zu sein. Doch sollte der Feminismus für die Gesellschaft nicht so gleichgültig sein wie die Auswahl einer Lieblingsfarbe.