Über uns

Gründungsaufsatz – Project_Communism

Wir, von der Notwendigkeit der befreiten Gesellschaft überzeugte Menschen, haben uns dazu entschieden unser je einzelnes Streben nach einer Welt, in der allen Menschen ein würdiges Leben führen können, ja überhaupt alle Menschen leben können, mit dem Project_Communism auf einer gemeinsamen Ebene weiter zu stärken und mit den Vorzügen des assoziierten Denken und Handelns die eigene und gemeinsame Gesellschaftskritik zu vertiefen, sowie unsere Praxis zu reflektieren.
Folgender Gründungsaufsatz soll darstellen, was Gesellschaftskritik für uns im Groben bedeutet und welche Schlüsse wir für unsere Tätigkeit daraus ziehen. Es handelt sich nicht um ein dogmatisches Programm, sondern um ein knappes Statement zu dem, warum ein Project_Communism und was wir uns darunter vorstellen.

0 Auschwitz

Auschwitz stellt den Nullpunkt von Gesellschaftskritik da. „Auschwitz hat sich ereignet, und folglich kann es sich wieder ereignen“ (Primo Levi). Gesellschaftskritik nach Auschwitz hat sich daran auszurichten, dass die Wiederholung ausgeschlossen wird. Die „drastische Schuld des Verschonten“ zwingt diesen, sein „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ (Adorno) Nicht die Plausibilität der Wiederholung von Auschwitz, welche zumindest in der historisch-spezifischen Art und Weise äußerste gering ist, sondern die reine Möglichkeit der Wiederholung, zwingt den Menschen diesen kategorischen Imperativ auf. Aus diesem kategorischen Imperativ folgt die begründete Solidarität mit Israel und die Denunziation jedes antisemitischen Ressentiments gegen Israel. Gesellschaftskritik nach Auschwitz steht in der Spannung, dass die Tatsache, dass es so weitergeht, wie Walter Benjamin einmal schrieb, bereits die Katastrophe darstellt, und dem Bewusstsein, dass es dennoch noch schlimmer geht.

I Gegenwärtige Situation: Marginalisierung von Gesellschaftskritik

Die Reklame der Warenwelt ist Lüge seit ihrer Konstitution. Die Hoffnung einer menschlichen Welt ließ sich weder im Realsozialismus, noch lässt es sich im gegenwärtigen Bann unters Wertgesetz realisieren. Gleichzeitig ist das unbedingte Verlangen nach einer Welt jenseits dessen, einer Welt, in welcher man wahrhaft glücklich und „ohne Angst verschieden sein kann“, so marginalisiert wie noch nie.
Gerade die jüngsten Entwicklungen, die Verschärfung der Klassenantinomien nach der Finanz- und Schuldenkrise, die Autonomie der Migration* und der Aufstieg rechter und fundamentalistischer Massenbewegungen, zeigen das Scheitern der nur scheinhaften Logik der Kategorien des Kapitals und der warenförmig organisierten Gesellschaft barbarisch auf. Dieses Scheitern muss als Ansatz- und Ausgangspunkt emanzipatorischer Gesellschaftskritik festgehalten und aufgezeigt werden. Daraus erwächst als Aufgabe die „Denunziation dessen, was gegenwärtig Vernunft heißt“ als „der größte Dienst, den die Vernunft leisten kann“ (Horkheimer). Diese Denunziation besteht in der Formulierung eines kritischen Begriffs von Gesellschaft, welche „den Wind der Weltgeschichte in den Segeln“ (Benjamin) hat.

*Im Gegensatz zu den anderen beiden Phänomenen bewahrt sich in der Autonomie der Migration jedoch ein Moment der Hoffnung: Die Staatsform, die auf eine abgrenzbare Nationalstaatlichkeit angewiesen ist, kapituliert vor den universalen Folgen von Armut und Krieg.

II Verhältnis zur (radikalen) Linken

Theorie und Praxis der gesellschaftlichen Linken überschnitten sich oft mit der, derer die sie eigentlich bekämpfen wollte. Dabei zeigt dies nur ein Maximum an Integration der Linken in die gesellschaftlichen Zustände. Gerade ihrem selbstformulierten Anspruch auf Umgestaltung, Transformation, Revolution oder wie immer man es nenne möchte dieser Gesellschaft hin zu allgemeiner Gleichheit und Freiheit steht dies entgegen. Dies diskreditiert nicht den linken Anspruch, einen „Verein freier Menschen“ zu schaffen, in welchem jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten leben kann, fordert aber eine radikale Selbstkritik mit und gegen die Linke. Diskreditiert hingegen ist eine linke Praxis der Kaderparteien, der Solidarität mit „unterdrückten Völkern“, des Terrorismus, jedes Etatismus und Keynesianismus, des unbeirrt wiederholten Antisemitismus und Antiamerikanismus. Derartige Praxis ist nicht die Verfehlungen einzelner Linker, sondern Resultat struktureller Mechanismen linker Politik. Gesellschaftskritik kann nicht mehr mit, sondern nur noch gegen Volk, Nation, Staat und Kapital erfolgen. Gegen das Eingedenken an die Toten des Stalinismus, Maoismus, des linken Terrorismus von RAF, RZ oder Brigate Rosse und der als „Befreiungsbewegungen der dritten Welt“ verharmlosten Mörderbanden und Folterrackets à la Hamas, Hizbollah, Leuchtender Pfad, Rote Khmer und wie sie alle heißen, lässt keine gesellschaftskritische Praxis sich mehr rechtfertigen. Die Opposition zu linken Bewegungen ist daher Selbstkritik des linken Versprechens, eine befreite Gesellschaft realisieren zu wollen.

III Charakter von Organisierung

Gesellschaftskritische Praxis ist verstellt in den Formen politischer Pseudo-Aktivität. Daher sind Organisierungsdebatten und Revolutionstheorien in ihrer Gleichgültigkeit gegen das Leben des Einzelnen nur mehr Wiedergänger einer überholten Erfahrung. Wir sehen uns weder als Partei, Kollektiv oder Gruppe, sondern als gemeinsames Projekt zur Entfaltung individuell formulierter Gesellschaftskritik. Es geht nicht um Organisierung und Rekrutierung von Kadern, sondern um eine Plattform zur Entwicklung des negativen Potentials als Kritik und Subversion und zur Artikulation des Leidens im beschädigten Leben.

IV Verhältnis von Theorie und Praxis

„Rasch wird aus der Unlust zum Denken die Unfähigkeit dazu“ (Adorno). Die Forderung nach einem Primat der Praxis, dieser „Zensurvermerk“ (Adorno), liquidiert das kritische Denken und damit die Idee der befreiten Gesellschaft. Dabei ist freies Denken, selbst ein Moment eines praktischen Impulses, sogar Vorschein der befreiten Gesellschaft. Gerade deshalb ist die Feindschaft gegen den Geist und das Ressentiment gegen unproduktives Denken Ausweis größtmöglicher Unterwerfung unter den gesellschaftlichen Bann.
Das Moment einer gedankenlosen Praxis ist endgültig überholt, und erhält sich doch am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung verpasst wurde. Sie reflektierte die objektive Ohnmacht der Einzelnen gegenüber der gesellschaftlichen Totalität.
Doch ein Ende findet die theoretische Gesellschaftskritik erst in der praktischen Abschaffung der Gegenstände, mit welchen die Theorie sich beschäftigt. Die Unvereinbarkeit, als auch das Streben nach Einheit von Theorie und Praxis sind selbst Ausdrücke der falschen Verfassung der Gesellschaft. Die Revozierung der Spaltung in Theorie und Praxis kann nur einseitig durch Praxis in die befreite Gesellschaft eingelöst werden.

V Bilderverbot

Gesellschaftskritik bleibt einzig erhalten, wenn sie sich beständig gegen jede Kumpanei mit jeder Form von Macht enthält. Wird sie positiv, wird sie Teil des Spektakels und des Mythos und damit zum Gegenteil einer kritischen Theorie der Gesellschaft. „Was ans Bild sich klammert, bleibt mythisch befangen“ (Adorno). Gesellschaftskritik ist daher bedingungslos negativ. Die Antizipation der befreiten Gesellschaft würde erstens das Durchbrechen des Banns voraussetzen und zweitens die Trennung von Subjekt und Objekt aufheben, was beides jedoch nicht einlösbar ist. Es gibt daher keine Idee der befreiten Gesellschaft und keinen Plan zur Errichtung derselben. „Die kritische Theorie der Gesellschaft besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnten; indem sie nichts verspricht und keinen Erfolg zeigt, bleibt sie negativ. Damit will sie jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben. […] Nur um der Hoffnungslosen Willen ist uns die Hoffnung gegeben“ (Marcuse).